Ulmer Theater präsentiert Brecht: Der gute Mensch von Sezuan

Foto: weeff; Bühnenbild; Theater Ulm
Foto: weeff; Bühnenbild; Theater Ulm

Auf der Homepage des Ulmer Theaters gibt es eine Audio-Einführung. Der Intendant (so vermute ich) stellt das Stück in rd 4 Min. vor. Dies ist gut und hilfreich. Er kündigt dabei an, daß das Publikum eingebunden werde... und so eröffnen 3 Schauspieler die Veranstaltung und versuchen mit dem Publikum in einen Dialog zu kommen. Was ist "Gut" - was ein "guter Mensch". Dann hebt sich der Vorhang und das Stück beginnt. .. die Schauspieler gehen direkt in der Szene auf!

Das Theater Ulm mit seiner Vorschau, als auch die Südwest-Presse stellen das Stück und die Premien-Aufführung ausführlich vor (siehe unten) - muß ich wenig dazu sagen.

 

 

Nur so viel:

Mir hat es super gefallen!! Durchweg alle Schauspieler sind ausdruckstark, das Konzept ist stimmig und die Unlösbarkeit der Frage: was ist ein guter Mensch! bleibt weiterhin im Raum. Es gibt keine Antwort - nur Reflexionen... und wer fühlt sich nicht auch mal ausgebeutet für seine winzige, kleine "gute Tat", der sofort der Wunsch nach MEHR und WIEDER die gute Laune verdirbt.

 

Für mich war das jetzt die 2te Premiere in dieser Saison hier in Ulm: ja, das Theater in Ulm bekommt Bestnoten und kann sich ohne Schwierigkeiten mit München oder Hannover messen. (In Hannover wäre mindestens 1 Nackter durch die Hallen geirrt!)

Die Schauspieler sind ausdrucksstark und sicher in multiplen Rollen... und Regie und Bühnenbild haben wirklich gute Arbeit geleistet. Ein Sonderlob gebührt sicher der Hauptdarstellerin Aglaja Stadelmann.

Das Publikum war wohl zwiespältig. Zur Pause haben doch etliche Herrschaften den Saal verlassen - es war wohl eher die lange erste Hälft mit fast 2h - die hält man auf die 1970er Sitzflächen auch kaum aus.... doch haben die die Schlußsequenz (30 min) mit neuem Bühnenbild verpaßt. Im Stück gibt's eine Art Auflösung - zumindest der "Verwechslungsgeschichte" - doch die Frage bleibt weiterhin im Raum: was ist ein guter Mensch... und welche Rolle spielen denn die Götter (Schöne Allegorie: unser christl. Gott wird am Schluß mit schulterhoch ausgebreiteten Armen am "T"  emporgezogen - zuvor gibt es schnell siene Krücken einem Bühnenarbeiter (der Schauspieler hatte sich wenige Tage zuvor verletzt!).

Der Bogen schließt sich: Hauptdarsteller stehen wieder am Bühenrand und sprechen die Zuschauer direkt an... es gibt auch einige zaghafte Antworten... der Applaus ist - überraschend für die Schauspieler (?) heftig. Ja, es war ein guter Theaterabend - es war ein Brecht-Abend!

Einzig: dieser Kontakt mit dem Publikum hätte mutiger sein dürfen (wie auch immer!!!)

 

Ich empfehle diese Aufführung dringend und mit bestem Gewissen weiter!

 

Hier der Begleittext des Ulmer Theaters zur Einführung:

"

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

MATINEE 06.04.2014, 11 Uhr, Foyer
PREMIERE 10.04.2014, 20 Uhr, Großes Haus

Parabelstück von Bertolt Brecht (1898 – 1956)
Musik von Paul Dessau (1894 – 1979)

Der Himmel klagt an: Gute Menschen sucht man auf der Erde vergebens. – Frohe Botschaft klingt anders! Das finden auch die drei Götter, die sich in Sezuan aufmachen, den guten Menschen zu finden und somit den Himmel eines Besseren zu belehren. Zunächst erfolglos treffen sie schließlich auf die Prostituierte Shen Te, die ihnen ein Nachtlager anbietet und damit den schlechten Ruf der Menschheit zu retten scheint. Die Gastfreundschaft des mittellosen Straßenmädchens belohnen die Götter mit Geld, von dem sich Shen Te einen Tabakladen kauft. Doch ihre Freude währt nur kurz: Skrupellose Schmarotzer ziehen bei ihr ein und drohen, ihre neu erworbene Existenz zu ruinieren. Da taucht plötzlich der geheimnisvolle Vetter Shui Ta auf, der mit harter Hand und geschäftsmännischem Geschick für Ordnung sorgt.
Doch seit Shui Tas Erscheinen ist Shen Te nicht mehr aufzufinden. Der Verdacht wird laut, Shui Ta habe seine Cousine ermordet. Als er sich vor Gericht verantworten muss, nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung...

Bertolt Brechts Parabelstück über den Kapitalismus findet keine Lösung für den moralischen Widerspruch der Shen Te und entlässt den Zuschauer mit den Worten: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Es stellt den Widerspruch von „gut zu sein und doch zu leben“ aus und hält damit auch der heutigen Gesellschaft einen schmerzhaft blendenden Spiegel vor.

INSZENIERUNG Antje Schupp
BEARBEITUNG DER KOMPOSITION PAUL DESSAUS UND MUSIKALISCHE LEITUNG Benedikt Brachtel
BÜHNE & KOSTÜME Mona Hapke

MIT Christel MayrAglaja StadelmannRenate SteinleAlfredo MiglionicoGunther Nickles,Florian SternChristian StreitRaphael Westermeier"

 


 

Quelle: 10.4.2014, Internet >>>> Theater Ulm - Der gute Mensch von Sezuan


Auf der Premierenparty war der Kreis der Theater- und Premierenparty-Freunde schon deutlich zusammengeschrumpft. Ich hatte so den Eindruck, daß zumindest der Intendant sich absolut NICHT sicher war, ob es einen Verriß in der Presse oder eine positive Resonanz gibt. Und weil TExte wieder aus dem netz verschwinden, hier die Kritik der Südwest-PresseOnline:

""Wer kennt das Stück?", will der Schauspieler Raphael Westermeier vom Publikum zu Beginn der Aufführung von "Der gute Mensch von Sezuan" wissen. Im Theater Ulm heben viele die Hand. "Und wer findet es gut?" Deutlich weniger melden sich. Er hätte am Schluss erneut fragen sollen. Diese Aufführung zumindest fanden viele großartig.

Regisseurin Antje Schupp arbeitet sich an Bertolt Brechts Parabelstück in Werkstatt-Atmosphäre ab. Scheinwerfer-Reihen, offene Hinterbühne: klar, Theater! Ein "G" und ein "T" stehen als Gerüste herum - für das Gute fehlt in der Welt aber mehr als nur ein Vokal.

Einen guten Menschen nämlich suchen drei Götter. Finden sie einen solchen, darf die Welt bleiben, wie sie ist. Die Götter kommen nach Sezuan. Nur die weichherzige Prostituierte Shen Te gewährt ihnen Unterkunft. Von ihrer Belohnung kauft sie einen Tabakladen. Worauf sie von Bekannten bedrängt wird: alles Schmarotzer, Lügner, Erpresser. Um sich zu wehren, gibt sich Shen Te als ihr hartherziger Vetter Shui Ta aus. Zwar verliebt sie sich in den Piloten Yang Sun, aber auch der ist nur auf ihr Geld aus. Schließlich baut sie als Shui Ta eine Tabakfabrik auf, aber da Shen Te verschwunden ist, landet er/sie vor dem - göttlichen - Gericht. Den Göttern ist das freilich alles zu viel, sie entschweben. Und lassen die Welt, wie sie ist.

Die Inszenierung spielt im Überall und Heute und setzt erstmal auf viele beliebte Verfremdungseffekte aus Brechts epischem Theater: Einblendungen, Songs, Sprünge, deklamierendes Sprechen. Die Zwischenspiele sind hier Videofilmchen.

Schupp geht aber darüber hinaus, verfremdet das Verfremdungstheater. Der berühmte Satz am Ende - "Der Vorhang zu und alle Fragen offen" - fehlt, denn man darf sich durchaus fragen, ob für Brecht selbst überhaupt Fragen offen waren. Was liegt nun an den kapitalistischen "Verhältnissen", was am Menschen selbst? Die Schauspieler fragen ins Publikum: Wer hält sich für einen guten Menschen? Was ist das "Gute" überhaupt? Kann nicht auch ein schlechter Mensch ein gutes Leben führen? Ach, selbst die Götter sind hier korrumpiert und machen Zigaretten-Werbung.

Schupp verhindert drohende Brecht-Routine also mit Brechtscher Dialektik. Man könnte sagen: Sie treibt Brecht mit Brecht aus - oder sie hat Spaß mit ihm. Sie steigert das Rollenwechseln ins ulkige Extrem, nimmt sich textliche Freiheiten und lässt die Schauspieler damit kokettieren. Auch Paul Dessaus Musik wird durchaus interpretiert.

Das Ensemble spielt auf hohem Energielevel drei Stunden durch. Aglaja Stadelmann nimmt man die Zerrissenheit von Shen Te/Shui Ta jederzeit ab. Auch die anderen Akteure wechseln, in multiplen Rollen, virtuos die Ebenen zwischen Spiel, Spiel im Spiel und angeblich keinem Spiel. Vitales Theater, stringent und kurzweilig erzählt."


Quelle: Südwestprese online, 14.4.2014;

Südwestpresse Theaterkritik

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/kultur/Selbst-die-Goetter-sind-laengst-korrumpiert;art4308,2554281


Sitz Parkett rechts, Reihe 4 , Platz 90 (Mitte)

25,-- EUR