"Faust" im Residenz-Theater in München: schwere Kost?

Quelle: Mail vom Residenz-Theater Besucherservice: Audio-Einführung 10.7.2014
Quelle: Mail vom Residenz-Theater Besucherservice: Audio-Einführung 10.7.2014

Es muß wohl 1975 oder 1977 gewesen sein: Klassenfahrt nach München zu "Faust"... damals erstmals(?) dargestellt von einer Frau.

Jetzt auf einer Fahrt von München nach Ulm höre ich im Radio ein Kritik zur aktuellen Inszenierung am Münchner Residenztheater von Martin Kušej. Soll ich's wagen? Ja! ... und es ist gut so!

 

Was mir besonders angenehm war: per Mail wird auf einen Podcast der Dramaturgin A. Obst verwiesen, in der diese die Inszenierung kurz erläutert. Sehr hilfreich und gut erklärt... ich hätte sonst so manche so bekannte wie abgedroschene Phrase ("Das ist des Pudels Kern!") vermißt... hier ist bewußt und - gelungen - eingegriffen, Redeschnipsel und altbekannte Wortwechsel ausgetauscht, modernisiert.

Die Bühne ist dunkel, dramatisch schwarz; auf der Drehbühne steht ein flaches viereckiges Gebäude mit Dachterasse, riesigem Drehkran  und ermöglicht im Verlauf schnellen Szenenwechsel ohne große Umbauarbeiten.

Faust tritt auf. Nur eine Waschecke. A. Obst weist darauf hin, dass das Stück mit dem 5. Akt des 2ten Teils - also mit dem Ende beginnt und erläutert den Gedanken dahinter.

Mephisto kommt als gefallener Engel - dargestellt von Bibiana Beglau  - natürlich -Frau! Runtergekommen, genauso suchend wie Faust.

Zwischen jedem Akt völlige Dunkelheit, metaphysische elektronische Musik als kurze Einblendung - Zeit zum Nachdenken, Gruseln?

Starken Szenen, wenn Faust die Welt an den Untergand bringt - vom Erschießungskommando bis hin zum Bombengürtel an einem Kind, das in der Kulisse verschwindet; plötzlich lautes Krachen, Blitzen, die eine Explosion anzeigt. Gerade hier hält das Publikum kurz den Atem an -ungläubig - warum im Faust? Doch schaut Euch um in der Realität:ganz aktuelle im Juli 2014  Nachrichten vom Rakentenangriff und dem entsprechenden Gegenschlägen in Palästina mit viel Elend und Toten - oder ist das auch Fausts Werk. Wo ist Realität. Hier wie dort?

Auf mich macht diese Inszenierung einen starken Eindruck . Sie wirkt modern - gar nicht angestaubt und durch die ewige Reimerrei an die harte Schulbank erinnernd.. was wäre passiert, hätte man beim Rezitieren in der Schule so betont, geschriehen, geheult wie hier? Authentisch, mitreißend!  

Leider ist in Reihe 16 Platz 416 die Akustik schlecht - das Verstehen anstrengend

 

Zugegeben, der Schluß war für mich irgendwie offen, kam überraschend, keine Auflösung, kein Showdown. Elemente von Faust II seien eingewoben, manches beherzt geändert worden.

Ich kann mich an die Original-Vorlage nicht mehr erinnern, aber Goethe hatte da wohl anders geendet. Aber A. Obst führt in diesem hörenswerten Podcast hin zum Schluß mit der Beschreibung der "Einsamkeit des gefallenen Engels Mephisto, der mit sich selbst wettet, der in Faust einen Gefährten gegen die Leere findet, und der schließlich, die Augen gen Himmel gerichtet, auf Erlösung wartet. Wie wir alle!".

 

Drei Stunden spannendes Theater - natürlich gewürzt mit ein wenig nackter Haut, an mancher Stelle etwas  ordinär - aber sollte es in der Spielzeit 2014/15 zu einer Neuaufnahme kommen - ich geh nochmals rein!

http://www.residenztheater.de/resi-podcast

 

 

Das genannte Einführungs-Mail muß ich hier zitieren:

"Faust ist in Kušejs Version einer von uns - ein Ereigniszapper, ausgehungert nach dem immer neuen, ultimativen Kick. Der Pakt mit Mephisto wird zum Versprechen von Unsterblichkeit. Eine Reise zu den Endpunkten der Zivilisation beginnt."

Bibiana Beglau und Werner Wölbern (Foto Matthias Horn); Quelle: Besuchermail Residenztheater 10.7.2014
Bibiana Beglau und Werner Wölbern (Foto Matthias Horn); Quelle: Besuchermail Residenztheater 10.7.2014

Und weiter heitp es: "

 

Faust
 
von Johann Wolfgang Goethe
 
In seinem pathogenen Hunger nach dem ultimativen Kick, seiner Sucht nach pausenloser Bewegung und seiner Negation jeglicher Grenzen steht Faust paradigmatisch für die Hybris des Menschen, der sich im selbst entfesselten Ereignissturm zu verlieren droht. Der Pakt mit Mephisto ist Ausgangspunkt für die Flucht in die Zukunft, das Versprechen lautet Unsterblichkeit. Faust reist, nach Katastrophen dürstend und sie mit Heilsversprechen verwechselnd, zu den Endpunkten der Zivilisation, wo die Luft nach Blut schmeckt und das Auge friert. Das einzige Wesen, das ihn retten könnte, wird er zerstören. Und der Himmel bleibt stumm."

FAUST
von Johann Wolfgang Goethe

Premiere am 5. Juni 2014 Im Residenztheater

Essemble und Mitwirkende (Quelle: Besuchermail, ebenda)

"Mit Miguel Abrantes Ostrowski (Homunculus u.a.), Götz Argus (Mobster/Bürger u.a.), Bibiana Beglau (Mephisto), Michele Cuciuffo (Valentin u.a.), Jörg Lichtenstein (Wagner u.a.), Hanna Scheibe (Marthe u.a.), Elisabeth Schwarz (Baucis/Böser Geist u.a.), Jürgen Stössinger (Philemon u.a.), Andrea Wenzl (Gretchen), Simon Werdelis (Junger Mann u.a.), Werner Wölbern (Faust)

Regie Martin Kušej
Bühne Aleksandar Denić
Kostüme Heidi Hackl
Musik Bert Wrede
Licht Tobias Löffler
Dramaturgie Angela Obst"