"Örtlich betäubt": Günther Grass ist heute morgen verstorben

Quelle: Zeit.de, 13.4.2015; http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fimages.zeit.de%2Fkultur%2Fliteratur%2F2015-04%2Fguenter-grass%2Fguenter-grass-540x304.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fkultur%2Fliteratur%2F2015-04%2Fliteraturnobelpreistraeger-guenter-grass-
Quelle: Zeit.de, 13.4.2015; http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fimages.zeit.de%2Fkultur%2Fliteratur%2F2015-04%2Fguenter-grass%2Fguenter-grass-540x304.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fkultur%2Fliteratur%2F2015-04%2Fliteraturnobelpreistraeger-guenter-grass-
"Örtlich betäubt"  - so ist das Gefühl beim Realisieren dieser Nachricht.
"Örtlich betäubt" ist mein erster Kontakt mit deutscher Literatur - mit moderner deutscher Literatur irgendwann 1977/78. Es war wohl auch mein erstes erfolgreiches Referat in der Schulzeit... und von da an war freitags nachmittags für die Bücherei und anschliessend fürs Fröhlich reserviert. Ich habe mich durch Vieles aus der Gruppe 47 durchgelesen, bin auf Enzensberger und Handke gestossen, habe bei Böll vorbei geschaut, Dürrenmatt entdeckt und mit Uwe Johnson gelitten. Thomas Mann war mir ein Graus...wie auch der olle Goethe mit seinem Faust oder Schillers Bürgschaft.... heute geh ich gleich 2x ins Theater zu Faust!


Durch Günther Grass habe ich meinen zweiten Lieblingsautor - Grass nennt ihn seinen Lehrer - kennen gelernt: Alfred Döblin. Nicht den "Alexanderplatz", sondern dessen surrealistischen Romane wie die "drei Sprünge des Wang-Lun" sind mir bestens in Erinnerung. 


Zurück zu Grass:
Mehr als die Blechtrommel hat mich "Hundejahre" begeistert - "Katz und Maus" (die Danziger Trilogie) hat mich fasziniert. Es war eben noch die Zeit der Nacharbeit zum Krieg - Grosseltern erzählten kaum was aus dieser Zeit - wer war beim Führer? War Opa wirklich ein Verweigerer? Willy Brandt ein Sozi! Und dazwischen der Literat, der wortgewaltig - nein: wortklug - die neue Zeit beschreibt, seine eigene Jugend reflektiert, geschickt reele Geschichten in Fiktionen transformiert. Das erotische Motiv - heute belächelt, ausgelutscht - war damals anstößigst, ordinār (vgl Anfangssequenz der Blechtrommel, Katz und Maus)

Viele Rezenzenten bestätigen jetzt in der Laudatio: den prägendsten Eindruck machte Grass, wenn er selbst aus seinen Werke vorlas. Sein Schnauzer, Markenzeichen, kämmte die Sätze noch einmal richtig durch, die tiefe kraftvolle Stimme hebt die scheinbar schwer zu lesenden Zeilen zu schnellen Bildern.... Ich erinnere mich noch gut an eine Wahlkampfveranstaltung für Willy Brandt in Kaufbeuren. 

Seine Danziger Trilogie hatte ihn bekannt gemacht, seine Wahlkampfreden und Vorträge machten in berühmt. Schlöndorffs Verfilmung der Blechtrommel - Oskar Matzarath - ging um die Welt ... Der Literaturnobelpreis ist eine logische Folge.

Quelle der Bilder: Google zum Todestag von Günter Grass 13.4.2015; es sind keine einzelnen Bildquellen  angegeben


weiter ausführliche Bildserien und Kommentare sind im Internet zu finden.


Grass war  aber auch und ganz besonders bildender Künstler... gelernter Steinmetz. Radierungen, Tusche ein beliebtes  Ausdrucksmittel.
In meinen Arbeits-Zimmer hängt seit vielen Jahre ein Faksimilie. Die Radierungen zum "Tagebuch einer Schnecke" stehen im Regal. Die Schnecke, ja, langsam geht der Fortschritt, die Weiterentwicklung im sehr konservativen Deutschland. Ich liebe dieses Buch.

Aus dem jungen Wilden, der sich mit Martin Walser und Marcel Reich- Ranicki anlegte, erreicht er mit dem "Butt" den Höhepunkt seines Mittelalter. Noch einmal stand sein Werk im Mittelpunkt öffentlicher Diskussion.
Die Digitalen Medien, die Literatur als schnellwachsendens Konsumgut, liessen auch seine Stimme im Rauschen von hunderten Neuerscheinungen untergehen. Der Markt bestimmt den Rhythmus von Veröffentlichung und entsprechendem Interesse.... Und verdrängt den politischen Roman zum Vorteil nichtssagenden Pichler- Romatikwelt oder endlosen öden Krimiserien. Politisches Intersse, literarisch-politische Aufmerksamkeit ist im neuen Deutschland verklungen.
In den letzten Jahrzehnten - Grass wurde immerhin 87 - waren es eher einzelne Äußerungen, Fragmente, Aufsätze, die Aufsehen erregten: seine SS-Mitgliedschaft als 17jähriger und seine Statements dazu oder  seine kritische Lyrik zu Isreal - hier blieb das Verhältnis bis zuletzt angespannt.

Ein letztes Mal verbeuge ich mich tief vor einem Literaten und Künstler, der mich früh geprägt und begeistert hat, im Lesen -  aber ganz bestimmt auch im Wahrnehmen und Denken... und ein klitzekleinwenig in der Liebe zum Fabulieren, zum verschachtelten Aufbau von Worten zu Sätzen und den "geschriebenen" Gedanken.