47. Deutsches Jazz-Festival: Phronesis und John Scofield

2ter Tag des Jazzfestivals: "Phronesis" das Programmheft  bzw. das zitierte Magazin "Jazzwise" nennen diese Band als "Augenblicklich eine der aufregendsten Formationen auf dem Planeten!"

Über weite Strecken dominiert das Schlagzeug - in einer durchaus spannenden Klangvielfalt und Dynamik, die man diesem Instrument so eher nicht zutraut. Speziell die Zugabe klingt ein wenig nach  e.s.t - doch im Gegensatz zu diesem Trio ist das Klavier selten das treibende Instrument. Basis Jasper Hoiby steht nur wenige Augenblicke im Vordergrund und beschränkt sich  auf die Steuerung seiner beiden Mitspieler


Auch an diesem Abend gibt es ein Doppel-Konzert. Jetzt schon auf diesen musikalischen Angriff gefaßt, gibt es in der Pause erstmal ein Bier und ein Paar Frankfurter!!! zum Abendessen. Ich bin direkt vom Geschäft in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks gefahren.

 


Würde jemand mit dieser Musik nach Nashville gehen - dort würde diese niemand als Country akzeptieren. So ähnlich die Abschlussmoderation.

John Scofield spielt auf der Steel Guitar - z. B. "Jolene", das ja aktuell von Bosshoss sehr erfolgreich gespielt wird. Hier erkennt man den Refrain - und dann geht es ab in die Improvisation, bleibt rockig und dem Blues treu.  Das Programmheft zitiert ihn: " Wir nähern uns dieses Songs mit unserem Jazz-ansatz und bewahren gleichzeitig ihren Charakter, ihre Integrität und ihren besonderen >Twang<."

 

Im direkten Vergleich dieser beiden Bands hört man nochmals diesen dramatischen Unterschied: hier sind die Drums nur Rhythmus-Geber  - in der Band Phronesis dagegen der Treiber und Initiator.

Der Kontrast hat dieses Konzert so interessant gemacht - auch wenn es keine Überraschungen gibt.

 

 


Und so urteilt die Frankfurter Neue Presse

Zitat vom 29.10.2016


Festival im HR-SendesaalStars begeistern beim „Deutschen Jazzfestival“

VON „Phronesis“ aus London und der US-Gitarrist John Scofield mit Band begeisterten auf gegensätzliche Weise beim „Deutschen Jazzfestival“ im HR-Sendesaal. 

Tag zwei setzte nach der Pause mit Scofield und den Früchten seines Albums „Country for Old Men“ einen Themenstrang fort: das Verjazzen „populärer“ Musik (mit Gitarren). Bei Scofield stand die Countrymusik auf der Karte.

Country ist für Jazzer sonst des Teufels. Doch wenn sich ein Bob Dylan nicht zu fein ist, hier zu ernten, darf man nicht päpstlicher sein als er. Und es gibt wunderbare Countrymusik. Der begnadete Gitarrist John Scofield beruft sich auf die Country-Klänge seiner Kindheit. Der Mann ist ein Okie: einer aus dem US-Staat Ohio. Geboren wurde er, noch bevor John Steinbeck für „Früchte des Zorns“ den Literatur-Nobelpreis bekam, hatte also Geschichten aus der Zeit der Wanderarbeiter im Blut, die vom Sandkasten Ohio gen Kalifornien zogen und in ihrer Not Ausbeutern zum Opfer fielen.

All das wäre noch kein Grund, den Country heiligzusprechen. Scofield präsentiert ihn in der Eingangsnummer erstmal in der Schreckgestalt, so wie er oft im US-Country-Radio ertönt: Musik der eingeschlafenen Füße. Tränenreiche Moralexempel für ratlose Leute, deren rustikal-vormodernes Ethos konservative Werte und den Willen spiegelt, dass alles bleibt, wie es ist. Und die laut rumheulen, wenn das nicht hinhaut. Jazz heute ist das Gegenteil: urban, weltlich, skeptisch, hungrig nach neuen Synthesen, einfach unfähig, die Füße stillzuhalten. Hier Musik, die selbst der letzte Dödel begreift (aber was hat er davon?), dort das freie Weben von Texturen, das große „Du sollst dir keine Melodie machen“ (und sie dann stehenlassen).

Dazu ging Scofield zum Glück rasch über. Gäbe es eine Skala der Folter- und Torsionsgrade, um Jazz-Zugriffe auf populäre Musik zu messen, läge Django Bates’ sanfter „Sgt. Pepper“ vom Vortag bei lauen 1,1 Torquemada, Scofields „Country for Old Men“ dagegen bei satten 5,9 Torqs. Scofields Country ließ Melodien öfter durchschimmern, was bei ihm, dem Weihnachtskind, ungefähr so klang wie angejazzte Weihnachtslieder. Larry Goldings war an den Keys im Hammondorgel-Sound dabei so hilfreich wie (Gitarren-)Bassist Steve Swallow. Lieber tunkte Scofield die weißen Country-Stücke jedoch ins schwarze Tintenfass der unsteten Blues- und Jazz-Tonalitäten und Phrasierkünste: echter Jazz, mit Goldings am Flügel. Was für ein genialer Gitarrist „Sco“ ist!

„Phronesis“ hatte dieselbe Klasse. Das skandinavisch-englische Trio mit Jasper Høiby (Kontrabass), Ivo Neame (Piano) und Anton Eger (Schlagzeug) powerte oder machte in Minimal, raste durch vertrackte Rhythmen und kam ins Dramatische, setzte abrupte Zäsuren und erneuerte die oft mechanische Soli-Kunst, werkelte an kaleidoskopischen Formen und gab sich der Obsession hin. Kurz vor Schluss dann ein Höhepunkt um Eger, den Høiby wie ein dressiertes Wildtier mit Gesten in die perfekt getaktete Ekstase jagte. Ganz starke Nummer!