Al Jarreau in der Frankfurt Alten Oper: Standing ovations für einen großen Musiker

Al Jarreau ist in Frankfurt.

Eher zufällig frägt der Autor an der Abendkasse nach einem Ticket: ja es gäbe noch einige wenige Restkarten. Das ist die Gelegenheit, einen der bekanntesten Sänger live zu erleben - in den USA wird er als der letzte der großen Jazzsänger gepriesen.

Im gehobenen Alter  hat Al Jarreau immer noch die Kraft in seiner Stimme, gegen die NDR-BigBand stand zu halten - und die ausverkaufte Frankfurter Alte Oper zum "grooven" zu bringen.

Ja - es war ein Erlebnis!

 

Reihe 11, Platz 13 - 69,--

 

 

 

Er wirkt auf Krücke und an der Hand eines Helfers gebrechlich - doch kaum auf dem Barhocker, schon bricht der Schalk aus ihm: herzhaftes Lachen, Lob an die begleitenden Musiker und ein schneller Kontakt mit dem Publikum - das ihm dann begeistert durch das Duke-Ellington-Songbook folgt.

Begleitet wird dieser großartige Musiker durch die NDR-BigBand, die bescheiden bleibt - und genau dadurch große Präsenz zeigt. Perfekt geführt und in der Begleitung Akzente setzten - zeigen die Musiker ihre Größe und ihr Können. Gerade in der zweiten Hälfte des Konzerts, alle sind jetzt warmgespielt, tragen die Soli wesentlich zum Gesamteindruck bei.

 

Klar sind "Take-Five" und "Brasil" zwei ausgesuchte Höhepunkte, die das Publikum nicht zum ersten Mal zu Standing Ovation animiert - die übrigens sofort aufspringen und begeistert applaudieren.

 

Ein großer Schreck elektrisiert die Besucher und auch die Band: Al Jarreau verläßt auf seinen Begleiter gestützt die Bühne und stürzt.Das Aufrichten geht nicht so einfach - ist mühsam, Al benötigt 2 Minuten, um sich vom Schreck zu erholen: und singt ein paar Takte - der "warme" Applaus des Publikums bringt ihn wieder auf die Beine - und in den Rollstuhl.

 

Was muss ein Jazz-Sänger können: leise der Melodie schmeicheln, jazzig dem Orchester entgegenwirken, mal ein Instrument imitieren, was ihm großartig gelingt - und die Stimme darf auch mal brüchig sein - wenn er von alten Kollegen erzählt oder seiner Heimat.

 

Dar Abend ging auf jeden Fall viel zu schnell herum! Und das wäre auch ein grandioses Highlight für das vergangene Jazzfestival gewesen: die großartige NDR-BigBand und Al Jarreau!


Noch ist nicht Weihnachtszeit - und schon ist Frankfurt weihnachtlich herausgeputzt. Von der Freßgass bis zum Römer stehen Buden, Weihnachtsbäume, diverse Lichterketten und Dekorationen zieren die Fußgängerzone.

Klar gibt es dann am Römer die obligatorische Wurst und ein Bier! Dass einige Mädels noch bauchnabelfrei herumstehen - zeigt: es ist viel zu warm in diesem späten Novemberabend!



Aus der Kritik der Frankfurter Rundschau; 24.11.2016

http://www.fr-online.de/musik/al-jarreau-in-frankfurt-der-ewige-entertainer,1473348,34963872.html

 

 

AL JARREAU IN FRANKFURTDer ewige Entertainer

 Von STEFAN MICHALZIK

Versprüht immer noch Witz und Charme: Der amerikanische Jazzsänger Al Jarreau beim Konzert in Frankfurt.  Foto: Wonge Bergmann / Alte Oper Frankfurt

Der 76-jährige Al Jarreau begeistert bei den Jazz-Nights in der Alten Oper Frankfurt.

Al Jarreau ist ein brillanter Jazzsänger, daran besteht kein Zweifel. Sein Ruhm indes gründet auf den Popproduktionen, mit denen er Mitte der siebziger Jahre auf der internationalen Bildfläche aufgetaucht ist. Sehr glatt produzierte Alben in einer Nähe zum Singer/Songwritertum zunächst, in den frühen achtziger Jahren folgte der Schwenk zu einem funky Zuschnitt, der auf die Disko zielte. Sein erstes veritables Jazzalbum hat Jarreau erst spät herausgebracht, „Accentuate the Positive“ im Jahr 2004.

Nun war der 76-Jährige mit der NDR-Bigband und dem Programm „The Duke Ellington Songbook“ bei den Jazz-Nights in der Frankfurter Alten Oper zu sehen. Gebrechlich inzwischen, er humpelte mit Unterstützung eines Helfers an einer Krücke herein, aber breit grinsend wie immer. Ähnlich wie schon Ella Fitzgerald nimmt Jarreau die Texte der Songs als Material für einen improvisatorisch freien Umgang mit der Stimme, der dem Spiel eines Instrumentalsolisten nahekommt. Er springt und gleitet durch die Melodie, treibt gleichsam einen Schabernack mit ihr, imitiert Instrumente.

Freundlichkeit, Wohllaunigkeit versprüht er allzeit. Er ist ein alleskönnerischer Techniker mit einem schlafwandlerischen Gespür für wie aus dem Moment geschöpfte Wendungen. Die Stimme ist nicht mehr so geschmeidig wie einst, der Überschwang indes ist ungebrochen.

Ein Mann der emotionalen Tiefe war Al Jarreau nie, auch Balladen garniert er mit seiner charakteristischen stimmlichen Artistik. Er ist durch und durch Musikant; als es beim Abgang vor der Pause zu einem Sturz kommt, beginnt er noch am Boden liegend zu singen, was ihm natürlich einen warmen Applaus einträgt. Die Arrangements der Ellington-Standards vom Dirigenten Jörg Achim Keller, dem einstigen Chefdirigenten

der HR-Bigband, sind am landläufigen zeitgenössischen Ideal eines geschliffen-eleganten, sonor-homogenen orchestralen Jazz orientiert.

Exponiert ist primär Jarreau; dazu kommen aber grandiose Solisten wie Ingolf Burkhardt am Flügelhorn, der Posaunist Dan Gottshall und Katharina Thomsen am Baritonsaxofo

n. Al Jarreau ist der ewige Entertainer, ein Showman in der amerikanischen Tradition. Anders als Bobby McFerrin münzt er seine Virtuosität nie in eine

selbstzweckhafte Exzentrik.

Die zweite Konzerthälfte streift etliche seiner großen Erfolgen, darunter natürlich auch die berühmte Vokalisierung des Dave-Brubeck-Klassikers „Take Five“ – ein Garant für Ovationen im Stehen am Schluss.

 

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